Wer schon einmal neben einer Gruppe erfahrener Bogenschützen gestanden hat, wird überrascht sein: Die besten Schützen sprechen oft erstaunlich wenig über die Zehn.
Während viele Anfänger nach jedem Pfeil sofort auf die Scheibe schauen und den Ringwert bewerten, beschäftigen sich leistungsstarke Schützen mit etwas völlig anderem. Sie denken nicht an die Zehn. Sie denken an ihren Schuss.
Das klingt zunächst widersprüchlich. Schließlich geht es im Wettkampf doch darum, möglichst viele Zehnen zu schießen. Warum also sollte man nicht auf die Zehn schießen?
Die Antwort liegt im Unterschied zwischen Ursache und Wirkung.
Viele Schützen machen unbewusst einen entscheidenden Denkfehler:
Sie betrachten die Zehn als ihre Aufgabe.
Also versuchen sie:
das Gold festzuhalten,
den perfekten Moment abzuwarten,
den Pfeil möglichst genau „hineinzusteuern“.
Je wichtiger die Zehn wird, desto größer wird häufig die Anspannung.
Der Fokus verschiebt sich vom eigenen Handeln auf das gewünschte Ergebnis.
Doch genau hier beginnt das Problem.
Denn die Zehn lässt sich nicht direkt kontrollieren.
Kontrollieren können wir nur das, was wir selbst tun.
Unsere Haltung.
Unsere Körperspannung.
Unsere Bewegung.
Unsere Aufmerksamkeit.
Unsere Entscheidung.
Der Ringwert entsteht erst danach.
Ein Pfeil fliegt nicht deshalb ins Gold, weil wir es besonders stark wollen.
Er fliegt dorthin, wohin ihn unsere Bewegung geschickt hat.
Wenn Stand, Ausrichtung, Spannung, Expansion und Nachhalten stimmen, steigt die Wahrscheinlichkeit eines guten Treffers erheblich.
Der Pfeil reagiert auf die Qualität des Schusses – nicht auf unsere Hoffnung.
Deshalb konzentrieren sich gute Schützen auf die Dinge, die den Treffer verursachen.
Nicht auf den Treffer selbst.
Fast jeder Schütze kennt diesen Moment:
Das Visier wandert ins Gold.
Plötzlich entsteht der Gedanke:
Jetzt!
Und genau in diesem Augenblick verändert sich oft etwas.
Die Zugspannung lässt nach.
Die Schulter bewegt sich.
Der Ablass wird aktiv ausgelöst.
Die Bewegung wird unterbrochen.
Der Schütze reagiert auf das Zielbild.
Der Schuss wird nicht mehr ausgeführt, sondern ausgelöst.
Viele technische Probleme entstehen genau an dieser Stelle.
Nicht weil die Technik schlecht wäre.
Sondern weil der Schütze versucht, das Ergebnis zu kontrollieren.
Wer leistungsstarke Schützen beobachtet, erkennt ein anderes Muster.
Sie richten ihre Aufmerksamkeit auf ihren Ablauf.
Sie vertrauen ihrem Schussprogramm.
Sie akzeptieren, dass das Zielbild niemals vollkommen ruhig sein wird.
Sie akzeptieren, dass nicht jeder Pfeil eine Zehn sein kann.
Und genau dadurch entstehen mehr Zehnen.
Das mag paradox klingen.
Aber wer aufhört, die Zehn erzwingen zu wollen, schafft die Voraussetzungen dafür, sie häufiger zu treffen.
Viele Schützen trainieren das Treffen.
Wenige trainieren das Schießen.
Treffen ist das Ergebnis.
Schießen ist die Fähigkeit.
Wenn wir einen Schuss nur nach dem Ringwert beurteilen, lernen wir wenig.
Eine Zehn kann technisch schlecht geschossen sein.
Eine Acht kann technisch hervorragend gewesen sein.
Wer langfristig besser werden möchte, sollte sich daher nach jedem Schuss eine andere Frage stellen:
Nicht:
Wo war der Pfeil?
Sondern:
Wie war mein Schuss?
Diese Frage lenkt die Aufmerksamkeit zurück auf das, was wirklich verbessert werden kann.
Als Trainer erlebe ich immer wieder, dass sich Schützen dann am stärksten entwickeln, wenn sie beginnen, ihre Leistung über den Prozess zu definieren.
Der Ringwert bleibt wichtig.
Natürlich wollen wir im Wettkampf möglichst viele Punkte schießen.
Aber Punkte entstehen nicht durch den Wunsch nach Punkten.
Sie entstehen durch einen reproduzierbaren, kontrollierten und sauberen Schussablauf.
Deshalb spreche ich im Training häufig weniger über Treffer und häufiger über Bewegung, Spannung, Wahrnehmung und Entscheidungen.
Denn genau dort entsteht Leistung.
Gute Schützen schießen nicht auf die Zehn.
Sie schießen ihren Schuss.
Die Zehn ist lediglich die sichtbare Folge vieler richtiger Entscheidungen.
Wer lernt, den Prozess zu kontrollieren, wird feststellen:
Die Zehnen kommen oft genau dann, wenn man aufhört, ihnen hinterherzulaufen.
Die Aufgabe des Schützen ist nicht, die Zehn zu treffen.
Die Aufgabe des Schützen ist es, einen guten Schuss auszuführen.
Die Zehn kümmert sich dann meistens um sich selbst.