01.02.26
Wer einige Zeit im Recurve-Bogensport unterwegs ist, wird immer wieder ähnliche Aussagen hören:
„Warte auf den Klicker.“
„Wenn der Klicker fällt, löst du.“
„Reagiere schneller auf den Klicker.“
Diese Sätze sind weit verbreitet. Sie sind einfach zu verstehen und wirken zunächst logisch. Schließlich hören wir den Klicker unmittelbar vor dem Lösen. Doch genau hier beginnt eines der größten Missverständnisse im Recurve-Bogensport.
Der Klicker ist kein Signal zum Schießen.
Er war nie dafür gedacht.
Und wer ihn als Signal versteht, trainiert oft unbewusst genau die Probleme, die später zu Unsicherheit, Festhalten oder Zielpanik führen.
Der Klicker wurde entwickelt, um eine konstante Auszugslänge sicherzustellen.
Nicht mehr.
Nicht weniger.
Er zeigt dem Schützen an:
Die Auszugslänge ist erreicht.
Der Klicker bewertet nicht die Schussqualität.
Er bewertet nicht die Richtung.
Er bewertet nicht das Zielbild.
Er sagt lediglich:
Die Expansion hat den vorgesehenen Punkt erreicht.
Eigentlich ist das eine sehr neutrale Information.
Doch viele Schützen machen daraus etwas völlig anderes.
Ein Anfänger lernt häufig folgenden Ablauf:
Ziel aufnehmen
Ziehen
Klicker fällt
Lösen
Mit der Zeit entsteht daraus im Gehirn eine feste Verbindung:
Klick = Schuss
Je häufiger dieser Ablauf wiederholt wird, desto stärker wird diese Verknüpfung.
Das Problem:
Der Schütze reagiert irgendwann nicht mehr auf seine Bewegung.
Er reagiert auf das Geräusch.
Das Gehirn wartet nur noch auf den Klick.
Und sobald er kommt, übernimmt der Reflex.
Wer den Klicker als Signal versteht, erlebt oft typische Probleme.
Der Klicker fällt.
Der Schütze erschrickt beinahe.
Die Zughand wird aktiv geöffnet.
Der Schuss wird ausgelöst statt ausgeführt.
Der Schütze möchte unbedingt den Klicker hören.
Kurz bevor er fällt, verliert er Spannung.
Die Expansion stoppt.
Die Schulter bewegt sich.
Die Linie geht verloren.
Der Klicker fällt trotzdem.
Der Pfeil fliegt.
Aber die Qualität des Schusses leidet.
Manche Schützen entwickeln die gegenteilige Reaktion.
Sie haben gelernt:
Sobald der Klicker fällt, muss alles perfekt sein.
Plötzlich wird der Moment bedrohlich.
Der Schütze kommt unter den Klicker.
Die Bewegung wird langsamer.
Der Druck steigt.
Die Expansion stoppt.
Der Klicker wird zum Gegner.
Wenn wir gute internationale Recurve-Schützen beobachten, erkennen wir etwas Interessantes.
Ihre Aufmerksamkeit liegt nicht auf dem Klicker.
Sie arbeiten kontinuierlich an ihrer Bewegung.
Der Fokus liegt auf:
der Richtung der Expansion
der Rückenspannung
der Stabilität des Körpers
dem Rhythmus des Schusses
Der Klicker erscheint lediglich als Folge dieser Bewegung.
Er ist kein Ereignis.
Er ist ein Nebenprodukt.
Stell dir vor, du gehst eine Treppe hinauf.
Du denkst nicht:
Jetzt muss ich die fünfte Stufe erreichen.
Du konzentrierst dich auf das Gehen.
Die fünfte Stufe kommt automatisch.
Genauso verhält es sich mit dem Klicker.
Wer ständig auf die fünfte Stufe wartet, bewegt sich oft verkrampft.
Wer einfach weitergeht, erreicht sie von selbst.
Gute Schützen schießen nicht auf den Klicker.
Sie expandieren.
Ihre innere Aufgabe lautet nicht:
„Wann fällt er endlich?“
Sondern:
„Bleib in der Bewegung.“
Oder:
„Weiter durch den Rücken.“
Oder:
„Expansion fortsetzen.“
Dadurch bleibt die Aufmerksamkeit auf dem Prozess.
Nicht auf dem Geräusch.
In einem guten Schuss erfüllt der Klicker eine wichtige Funktion.
Er bestätigt:
Die Auszugslänge stimmt.
Die Expansion war ausreichend.
Der Ablauf war vollständig.
Aber er steuert den Schuss nicht.
Das wäre ungefähr so, als würde ein Marathonläufer bei jedem Kilometerstein seine Lauftechnik ändern.
Der Kilometerstein informiert.
Er kontrolliert nicht.
Deshalb sollte das Training nicht darauf abzielen, möglichst schnell auf den Klicker zu reagieren.
Viel wichtiger ist:
eine saubere Expansion aufzubauen
die Bewegung unter dem Klicker zu stabilisieren
Vertrauen in den Ablauf zu entwickeln
den Schuss nicht vom Geräusch abhängig zu machen
Übungen wie Blank Bale, Schießen auf kurze Distanz oder bewusst verlängerte Expansionen helfen dabei, die Aufmerksamkeit wieder auf die Bewegung zu lenken.
Interessanterweise beginnt vieles bereits mit der Wortwahl.
Statt zu sagen:
„Schieß auf den Klicker.“
oder
„Warte auf den Klicker.“
kann ein Trainer formulieren:
„Expandiere weiter.“
„Bleib in der Bewegung.“
„Arbeite durch den Klicker.“
„Lass den Klicker das Ergebnis deiner Expansion sein.“
Diese kleinen sprachlichen Veränderungen verändern oft auch das Denken des Schützen.
Der Klicker ist kein Startsignal.
Er ist kein Auslöser.
Er ist kein Kommando.
Er ist eine Rückmeldung.
Wer den Klicker als Signal versteht, wird früher oder später versuchen, auf ihn zu reagieren.
Wer den Klicker als Ergebnis einer guten Bewegung versteht, kann sich auf das konzentrieren, was wirklich wichtig ist:
die Qualität der Expansion.
Denn erfolgreiche Recurve-Schützen schießen nicht wegen des Klickers.
Sie schießen, weil sie eine saubere Bewegung konsequent bis zum Ende ausführen.
Der Klicker löst keinen Schuss aus.
Die Expansion erzeugt den Klicker.
Und die Expansion ist es, die letztlich gute Treffer ermöglicht.