Der Unterschied zwischen Treffen und Schießen

01.04.26

 

 

Wer Bogenschützen nach ihrem Training fragt, bekommt häufig eine Antwort wie:

„Heute habe ich gut getroffen.“

Oder:

„Heute lief es nicht so gut, die Pfeile waren überall verteilt.“

Beide Aussagen beziehen sich auf das Ergebnis.

Doch sie sagen erstaunlich wenig darüber aus, wie gut tatsächlich geschossen wurde.

Genau hier liegt ein grundlegendes Missverständnis, das viele Schützen über Jahre begleitet:

Treffen und Schießen sind nicht dasselbe.

Wer diesen Unterschied versteht, verändert oft seine gesamte Sicht auf Training, Leistung und Entwicklung.


Das Ergebnis ist sichtbar – der Schuss nicht

Im Bogensport sehen wir zuerst die Scheibe.

Wir sehen:

  • Zehnen

  • Neunen

  • Achten

  • Ausreißer

Die Scheibe liefert eine unmittelbare Rückmeldung.

Sie zeigt uns ein Ergebnis.

Deshalb neigen wir dazu, den Treffer mit der Qualität des Schusses gleichzusetzen.

Doch das ist nur ein Teil der Wahrheit.

Denn die Scheibe zeigt lediglich, was passiert ist.

Sie zeigt nicht, warum es passiert ist.


Die Zehn kann lügen

Das klingt zunächst merkwürdig.

Aber jeder erfahrene Schütze kennt solche Momente.

Der Pfeil steckt in der Zehn.

Trotzdem weiß der Schütze sofort:

Das war kein guter Schuss.

Vielleicht war die Schulter instabil.

Vielleicht wurde aktiv gelöst.

Vielleicht brach die Rückenspannung zusammen.

Vielleicht war die Ausrichtung unsauber.

Der Treffer war gut.

Der Schuss war es nicht.

Die Zehn verdeckt den Fehler.


Die Acht kann die Wahrheit sagen

Genauso gibt es Schüsse, die sich hervorragend anfühlen.

Der Ablauf war ruhig.

Die Spannung war stabil.

Die Expansion war sauber.

Der Klicker kam natürlich.

Das Nachhalten war klar.

Und trotzdem landet der Pfeil in der Acht.

Vielleicht kam eine Windböe.

Vielleicht war die Visiereinstellung nicht optimal.

Vielleicht gab es einen kleinen Ausrichtungsfehler.

Der Treffer war nicht perfekt.

Der Schuss dagegen schon sehr nah an dem, was wir eigentlich trainieren wollen.


Was trainieren wir eigentlich?

Diese Frage stelle ich häufig im Training.

Trainieren wir das Treffen?

Oder trainieren wir das Schießen?

Die meisten antworten zunächst:

Natürlich trainieren wir das Treffen.

Doch genau genommen trainieren wir etwas anderes.

Wir trainieren:

  • Bewegung

  • Technik

  • Koordination

  • Körperspannung

  • Wahrnehmung

  • Konzentration

  • Entscheidungsfähigkeit

Mit anderen Worten:

Wir trainieren die Fähigkeit zu schießen.

Der Treffer ist lediglich die sichtbare Folge dieser Fähigkeiten.


Die Falle der Ergebnisorientierung

Viele Schützen entwickeln früh eine Gewohnheit.

Nach jedem Schuss wandert der Blick sofort zur Scheibe.

Dann beginnt die Bewertung:

Zehn – gut.

Acht – schlecht.

Sieben – Katastrophe.

Das Problem dabei:

Der Ringwert wird zum einzigen Maßstab.

Der Schütze lernt nicht mehr, seinen Ablauf zu beobachten.

Er lernt nur noch, Ergebnisse zu bewerten.

Dadurch entsteht häufig eine emotionale Achterbahnfahrt.

Eine gute Passe sorgt für Zufriedenheit.

Eine schlechte Passe erzeugt Frust.

Die Kontrolle über die eigene Leistung geht verloren.


Warum gute Schützen anders denken

Leistungsstarke Schützen betrachten den Treffer nicht als Ziel ihrer Aufmerksamkeit.

Sie betrachten ihn als Information.

Nach dem Schuss fragen sie häufig zuerst:

  • War die Spannung stabil?

  • Habe ich meine Richtung gehalten?

  • War die Expansion kontinuierlich?

  • Habe ich sauber nachgehalten?

Erst danach betrachten sie die Scheibe.

Sie wissen:

Der Treffer liefert Hinweise.

Aber der Schuss liefert die Ursachen.


Die Sicht des Trainers

Ein erfahrener Trainer beobachtet selten zuerst die Scheibe.

Er beobachtet den Schützen.

Denn die Scheibe zeigt lediglich das Ergebnis einer Bewegung.

Die Bewegung selbst enthält viel mehr Informationen.

Wenn ein Schütze drei Zehnen schießt, aber jedes Mal seine Schulter kollabiert, wird daraus langfristig ein Problem entstehen.

Wenn ein Schütze mehrere saubere Schüsse mit stabiler Technik ausführt, entwickelt er sich weiter – selbst wenn die Ringzahl an diesem Tag noch nicht perfekt ist.

Deshalb ist die wichtigste Frage im Training oft nicht:

Wo war der Pfeil?

Sondern:

Wie wurde der Schuss ausgeführt?


Vom Trefferdenken zum Prozessdenken

Der entscheidende Entwicklungsschritt eines Schützen besteht häufig darin, die Aufmerksamkeit zu verschieben.

Weg von:

Hoffentlich treffe ich.

Hin zu:

Wie gut führe ich meinen Schuss aus?

Diese Veränderung klingt klein.

Ihre Wirkung ist enorm.

Plötzlich werden Dinge wichtig, die tatsächlich kontrollierbar sind:

  • Haltung

  • Ausrichtung

  • Körperspannung

  • Expansion

  • Nachhalten

  • Konzentration

Der Schütze gewinnt Einfluss auf seine Leistung zurück.


Was bedeutet das im Wettkampf?

Natürlich zählen im Wettkampf die Ringe.

Niemand gewinnt ein Turnier durch schöne Technik allein.

Aber die besten Wettkampfschützen wissen:

Während des Schießens dürfen sie sich nicht mit den Ringen beschäftigen.

Denn die Ringe entstehen erst nach dem Schuss.

Ihre Aufgabe besteht darin, den aktuellen Pfeil möglichst gut auszuführen.

Nicht die Zehn zu erzwingen.

Sondern den Prozess zu kontrollieren.

Genau dadurch entstehen am Ende die besseren Ergebnisse.


Fazit

Treffen und Schießen sind zwei unterschiedliche Dinge.

Treffen beschreibt das Ergebnis.

Schießen beschreibt die Fähigkeit.

Wer ausschließlich auf die Scheibe schaut, sieht nur die Wirkung.

Wer seinen Schuss analysiert, erkennt die Ursache.

Langfristige Entwicklung entsteht deshalb nicht durch die Jagd nach der nächsten Zehn.

Sie entsteht durch die kontinuierliche Verbesserung des eigenen Schussablaufs.

Gute Schützen trainieren nicht in erster Linie das Treffen.

Gute Schützen trainieren die Fähigkeit, immer wieder einen guten Schuss auszuführen.

Denn wer lernt zu schießen, wird langfristig auch häufiger treffen.